Auf der Suche nach dem Portrait der Malerei – Zu den Bildern von Armin Baumgarten

Christoph Zuschlag
Cézanne hat ja anfangs Schreckensbilder, wie die Versuchung des Heiligen Antonius, gemalt. Aber mit der Zeit wurde sein einziges Problem die Verwirklichung («réalisation») des reinen, schuldlosen Irdischen: des Apfels, des Felsens, eines menschlichen Gesichts. Das Wirkliche war dann die erreichte Form; die nicht das Vergehen in den Wechselfällen der Geschichte beklagt, sondern ein Sein im Frieden weitergibt. – Es geht in der Kunst um nichts anderes. (Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire) [1]

I.

In seiner Erzählung «Die Lehre der Sainte-Victoire» berichtet Peter Handke von seinen Wanderungen durch die Provence, seiner Beschäftigung mit dem Mont Sainte-Victoire und dessen «Verwirklichungen» in den Gemälden Paul Cézannes. Handkes Buch ist, wie Karl Krolow schrieb, «ein Buch der ‹Recherche›, der Suche und des langsamen Wiederfindens, Sich-Findens, Bewußtsein- und Identität- und Kunst-Findens». Im Atelier Armin Baumgartens, bei der Betrachtung seiner Kopf- und Bergbilder, kommen mir Cézanne und Handke in den Sinn – wie sie ist auch der junge Maler Baumgarten auf der Suche, wie sie konzentriert auch er sich ganz auf einen, auf seinen Gegenstand, und wie bei ihnen geht es auch bei Baumgarten letztlich um sehr viel mehr als nur um diesen Gegenstand. [2]

II.

«Köpfe und Berge» lautet der lapidare Titel dieses Katalogbuches. Er benennt die beiden Themen, mit denen sich Armin Baumgarten in seiner Malerei beschäftigt. Dabei ist das Thema des menschlichen Kopfes, auf das Baumgarten bereits während seines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig bei Hinnerk Schrader und Hermann Albert stieß, gleichsam der Anker und der Mittelpunkt seines Œuvres. Es handelt sich nicht um Köpfe bestimmter Menschen, also nicht um Portraits. Und auch an den psychologischen und emotionalen Aspekten des Menschenbildes ist Baumgarten nicht interessiert. Vielmehr fasziniert den Künstler der Kopf als Kopf an sich, als zeitlose Metapher für den Menschen und als Metapher für die Malerei. Ähnliches gilt für die Bergbilder, die seit 2002 parallel zu den Kopfbildern, mit denen sie in enger künstlerischer Wechselbeziehung zu sehen sind, entstehen. Die Idee dazu entwickelte sich im Zusammenhang mit Zeichnungen, die Baumgarten 1998 «sur le motif» von der Steilküste in der Normandie schuf. In den folgenden Jahren verdichtete der Künstler den Landschaftsausschnitt, indem er den Berg als Einzelmotiv aus dem Zusammenhang herauslöste – der Berg als skulpturale Verdichtung von Landschaft, der Berg als Formidee für Landschaft, der Berg als Metapher für Landschaft und eben auch als Metapher für die Malerei. Prägend waren für Baumgarten in diesem Prozeß die Bilder von Georges Braque (der in Varengeville-sur-mer, wo Baumgarten gezeichnet hatte, beerdigt ist) und Max Uhlig sowie die Plastiken von Emil Cimiotti. Die große Themenausstellung «Der Berg», die Baumgarten Ende 2002 im Heidelberger Kunstverein sah, bestätigte den Künstler in seiner Themenwahl und bot zugleich mannigfaltige Inspiration. [3]

III.

«Köpfe und Berge» entstehen bei Armin Baumgarten in einem langwierigen – die Jahresproduktion umfaßt nicht mehr als 20 bis 30 Bilder –, organischen Arbeits- und Malprozeß, in welchem das Bild vielfältige Metamorphosen und »Häutungen« erlebt. Der Schaffensvorgang als solcher, der handwerkliche Aspekt, ist dem Künstler wichtig, er bleibt im bildnerischen Endresultat stets gegenwärtig und ablesbar. Baumgarten bevorzugt eine grobe und dichte Leinwand aus Belgien, die der malerischen Aktion viel Widerstand bietet. Die Leinwand wird auf den Keilrahmen aufgespannt, auf die Staffelei gestellt und mehrfach grundiert. Baumgarten beginnt nun direkt mit dem Farbauftrag auf der Leinwand, ohne die Komposition vorher in Vor- oder Unterzeichnung skizziert zu haben. Die ersten Schichten der Ölfarbe sind dünnflüssig und transparent. Allmählich wird der Farbauftrag immer pastoser, körperhafter. Die Farben werden regelrecht modelliert und in zahlreichen Schichten ineinander verwoben, immer wieder übermalt und durch Abkratzen wieder freigelegt. Im Prozeß der Farbschichtung und Formverdichtung wächst das Motiv allmählich im Bildzentrum aus der Farbe hervor. Dabei kann sich der Farbklang des Bildes während des Malvorgangs vollständig und mehrfach verändern, er entwickelt sich allein aus der Dynamik des Arbeitsprozesses. Neben dem Pinsel benutzt der Künstler auch den Spachtel und die Finger zum Mischen und «Vertreiben» der Farbe auf der Oberfläche. Von elementarer Bedeutung ist für Armin Baumgarten die haptische Qualität des Bildes, das den Betrachter körperlich packen und alle seine Sinne aktivieren soll.

Die Farbe ist Baumgartens wichtigstes Gestaltungsmittel. Baumgartens Bilder zeichnen sich durch ein leuchtendes Kolorit aus. Die Primär- und Komplementärfarben, vor allem Rot, Blau und Grün, geben den Ton an, während dunkle Töne und Erdfarben praktisch nicht vorkommen. Aufgrund ihrer starken Farbkontraste wirken die Bilder expressiv. Der Künstler betont indessen, daß es ihm nicht um den expressiven Gehalt des Motivs oder um Ausdruck im Sinne des Expressionismus geht. Gegenüber der Farbe spielt die Linie eine untergeordnete, aber dennoch nicht unwichtige Rolle. Sie fungiert nicht als feste Kontur, sondern eher als offene Membran, die Flächen locker umschließt oder ineinander übergehen läßt.

Auf dem Papier arbeitet Armin Baumgarten in der Regel in Mischtechniken, mit Ölpastell, Gouache, Aquarell und Tusche. Die Papierarbeiten, die im Düsseldorfer Atelier des Künstlers oder auf Reisen entstehen, stellen eine eigene, motivisch und künstlerisch in enger Verbindung mit den Leinwandbildern stehende Werkgruppe dar, welche einen eher intimen Charakter hat. In ihnen bezieht Baumgarten das Weiß des Papieres mit ein.
Wesentlich für die Wirkung der Bilder (die als Titel stets nur «Kopf» oder «Berg» und eine Werknummer tragen) sind die jeweils gewählten Formate. Sie reichen bei den Kopfbildern von kleinen Leinwänden mit den Maßen 30 x 24 cm über mittlere Formate von zum Beispiel 80 x 100 cm bis hin zu monumentalen Tableaus von 270 x 190 cm. Indem Baumgarten den Kopf in ein Großformat setzt, entzieht er das Motiv der Vergleichbarkeit mit unserer Alltagserfahrung. Umgekehrt wählt der Künstler gerade bei den Bergbildern häufig kleinere Formate. Allein die Vergrößerung oder Verkleinerung bedingt einen Abstraktionsprozeß. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit darauf, daß es hier nicht um die Wiedergabe eines Kopfes oder eines Berges geht, sondern in allererster Linie um Malerei.

IV.

Wie läßt sich die Malerei von Armin Baumgarten in der Kunstgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts verorten? Der zentrale Bezugspunkt ist zweifellos das Informel. [4] Baumgarten benennt hier Jean Fautrier, Wols und Emil Schumacher als wichtige Impulsgeber. Es sind vor allem die Prozessualität und Offenheit des Bildbegriffs – sowohl im Hinblick auf das Resultat des Malvorgangs als auch im Hinblick auf die Wahrnehmung des Betrachters –, die Eigenwertigkeit der Gestaltungsmittel sowie die Bedeutung der malerischen Aktion, die Baumgarten am Informel faszinieren und die er in seine gegenstandsbezogene Malerei zu überführen sucht. Auf welch beeindruckende und originelle Weise ihm das gelingt, belegt nicht zuletzt der Umstand, daß die Wahrnehmung der Bilder ständig zwischen Figuration und Abstraktion oszilliert. Wir können Armin Baumgartens Bilder, vor allem bei geringer Augendistanz zur malerischen Oberfläche, als rein abstrakte Farblandschaften lesen, oder wir können den wie Erscheinungen aus den Farbgeweben herauswachsenden und im nächsten Moment in sie zurücksinkenden Motiven, den Köpfen und Bergen, nachspüren.

Armin Baumgarten beschäftigt sich intensiv mit der Kunstgeschichte und besucht regelmäßig Museen und Ausstellungen. Rembrandt und Hercules Seghers faszinieren ihn ebenso wie, neben vielen anderen, Edvard Munch, Philip Guston, Fritz Wotruba und Medardo Rosso. Bei diesen Künstlern sieht Baumgarten das Prinzip der gleichsam gewachsenen, organischen Formfindung verwirklicht, das er selbst in seiner Kunst anstrebt. Hervorzuheben sind auch der Maler Giorgio Morandi und der Bildhauer Alberto Giacometti, deren künstlerische Haltung, das Sich-Konzentrieren und hartnäckige Sich-Abarbeiten am Motiv, Baumgarten beeindruckt.

V.

In seinem Atelier bewahrt Armin Baumgarten Fundstücke wie Scherben und Versteinerungen auf. «Das ist meine Erdung», so der Künstler. Schon als Kind habe er immer nach der Bodenhaftung, nach dem Urerlebnis gesucht – und es in der Kunst gefunden. Früh begann Baumgarten zu zeichnen, und mit 15 Jahren drückte ihm sein Vater Ölfarben in die Hand. Der Künstler betont, seine Malerei sei eine ständige Suche, «ein transzendentes Prinzip, Sinnbild auf den Geist des Menschen». [5] Die für Baumgarten grundlegende Verbindung seiner Malerei mit dem Menschen erklärt auch die Konzentration auf die beiden ebenso existentiellen wie universellen Themen Kopf (Mensch) und Berg (Natur). «Der Glaube an den Menschen und der Glaube an die Malerei berühren sich an einem tiefen Punkt», schrieb Armin Baumgarten einmal. Und weiter: «Wenn die Transzendenz aus der Malerei verschwindet, verschwindet auch das Ideal des Menschen. Ich male, damit es durch Malerei den Menschen gibt. Indem ich die Malerei portraitiere, finde ich den Menschen.» [6]


Fußnoten

[1] Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire, Frankfurt am Main 1984, S. 18.

[2] Diesem Text liegt ein Ateliergespräch mit Armin Baumgarten in Düsseldorf am 26. März 2004 zugrunde.

[3] Vgl. Hans Gercke (Hg.), Der Berg, Heidelberg 2002.

[4] Vgl. zur Malerei des Informel: Christoph Zuschlag, Undeutbar – und doch bedeutsam. Überlegungen zur informellen Malerei, in: ders. / Hans Gercke / Annette Frese (Hgg.), Brennpunkt Informel. Quellen – Strömungen – Reaktionen, Ausstellungskatalog Heidelberg 1998/99, Köln 1998, S. 38–45. Donata Bretschneider (Hg.) / Christoph Zuschlag (Bearb.): Tendenzen der abstrakten Kunst nach 1945. Die Sammlung Kraft Bretschneider in der Stiftung Kunst und Recht – Tübingen, Heidelberg 2003.

[5] Armin Baumgarten, Mensch und Malerei, in: Armin Baumgarten, Bilder 1997, Ausstellungskatalog Meinersen 1997, ohne Seite.

[6] Ebenda.


Publiziert in: Armin Baumgarten. Köpfe und Berge. Text von Christoph Zuschlag, Galerie Winter, Wiesbaden / Galerie Kämpf, Basel, 2004.