Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Armin Baumgarten im Künstlerhaus Meinersen

Barbara Ränsch-Trill
Meine Damen und Herren, wenn sie sich den Bildern dieser Ausstellung nähern, werden sie sich zunächst vom Wohlklang der Farben angezogen fühlen: Ein Gefüge von Farbabstufungen lädt das Auge ein, auf der Oberfläche des Bildes selbstvergessen von einem Wohlklang zum anderen zu gleiten. Ein Fleck strahlenden Rots wird von einem Grund dunkler Grün- oder Blautöne abgefangen. Ein helles Purpurrosa leuchtet auf als oberster Klang in einer Fülle von Rottönen, ein Tupfen Coelin nimmt Blautöne auf und überhöht sie, nachtdunkles Blau-Schwarz stellt sich einem System von Momenten aus Rosa und Krapplack-Rot entgegen. Es sind Gesten in Farbe, Farbgesten, die zwar sie selbst sind, aber doch auf etwas verweisen, was sie selbst nicht sind.

Als Betrachter erleben sie, wenn sie die Zeit wirken lassen, daß der Pinselstrich des Künstlers Armin Baumgarten sie alsbald in einen Zustand balancierter Spannung versetzt: einer Spannung zwischen interessiertem Suchen und überraschtem Gefundenhaben. Sie suchten in der «Bildsphäre» den Gegenstand dieser Malerei und finden ihn – zunächst wenigstens – in den Farben und Formen selbst. Selbst ein Skeptiker müßte sich angesichts dieser Farbakkorde von dem beeindrucken lassen, was man angemessen nur unter dem Wort und Begriff «schön» zusammenfassen kann. Offenbar ist «Schönheit» der erste der Bildgegenstände, auf welche die Bildsphäre verweisen will.

Nun ist «Schönheit» in der Kunst der Moderne eher diskriminiert. Um so aufmerksamer sollten wir sein, wenn ein Künstler – gegen die Zeit und den Zeitgeist – hier und heute «Schönheit» inszeniert.

Aber sie finden in der Bildsphäre noch mehr. Sie bemerken, daß die Farben und Linien sich immer wieder zur Physiognomie eines Menschen fügen. Eine bestimmte «Einstellung» des künstlerischen Blicks erzeugt die Komposition, und die Linien der Komposition geben eine latente Zeichnung frei. Diese Zeichnung aber zeichnet in das sichtbare Bild das andere Bild, das Gleichnis, wie in ein Vexierbild hinein. Dieses «andere Bild» ist der zweite Bildgegenstand: das menschliche Antlitz.

Die Kunst hat im Verlaufe ihrer Geschichte alles und jedes dargestellt, was bedeutet, daß sie nichts unproblematisch genommen hat – alles, was im Himmel und auf der Erde ist und alles, was zwischen Himmel und Erde ist. Das menschliche Antlitz nimmt gleichwohl eine besondere Stellung ein: Die Kunst zwingt den Menschen immer wieder, sich selber in die Augen zu schauen. Jede Maske der archaischen Kunst, jedes Medusenhaupt, jedes Herrscherantlitz, jedes Erlöserantlitz, jedes Madonnengesicht ist ein Selbstbildnis des Menschen.

Die großen Darstellungen des menschlichen Antlitzes, die wir aus der Kunst der Neuzeit kennen, sind das wandeltiefe Gesicht der Mona Lisa von Leonardo, das den Betrachter lockt und zugleich auf Distanz hält, das machtbewußte Gesicht Heinrich VIII, wie es Holbein malte, die zwiespältig zwischen Triumph und Niederlage spielende Miene der «Judith» von Rubens, die Selbstporträts von Rembrandt, die den Augenblick der Selbstprüfung festhalten, das gespannt distanzierte Antlitz des Clowns Gilles von Watteau (1718), der «Schrei» von Edvard Munch (1895), die «Weinenden» von Picasso, der schreiende Kopf von Bruce Nauman, um nur einige zu nennen. Alle diese Darstellungen sprechen vom Menschen: von seinen Hoffnungen und Ansprüchen, seinen Begierden und seinen Verzweiflungen, von seinem Stolz und seiner Trauer, von seiner Liebe und seiner Grausamkeit, von seiner Skepsis und seiner Zuversicht. Die Kunst monumentalisiert die menschlichen Gesichtszüge: Sie fängt dien flüchtigen Ausdruck des Mienenspiels ein, in welchem Emotionen und Gedanken sich ereignen, und macht sie zu einem Zeichen allgemeinen Menschentums.
Wenn nun die schweifende Phantasie in den Bildern dieser Ausstellung den Linien der Komposition nachgeht, die das menschliche Antlitz andeuten, könnte sie – abstrahiert – Elemente der Landschaft finden: die Erde, den Himmel und das Meer, blühende Felder, Sonnenlicht, Nachtdunkel und Feuerschein, Wege und Gebirge, Städte, Wälder und Wüsten. Die genannten Dinge sind nicht eigens modelliert, sie haben keine Konturen, sie sind eher als «Witterungen des Auges» notiert, Angebote für die Imagination, vieldeutig, ineinander übergehend und zusammenhängend: Welt wird angedeutet. Und in diese Welt hineingearbeitet erscheint das Antlitz des Menschen.

Die Welt, die wir wahrnehmen und erkennen, zeigt sich als unser Antlitz, und unser Antlitz ist die Welt. Was wir der Welt tun, wie wir sie bereichern oder beschädigen, das erscheint im menschlichen Antlitz. Was wir fühlen, denken, tun, erscheint in der Welt. Was wir von der Welt haben und was wir aus ihr machen, das sind wir selber. Das menschliche Antlitz ist, wie die Bilder des Künstlers es nahelegen, Spiegel der Welt, und die Welt ist ein Spiegel des Antlitzes.

Das Verhältnis von Menschenantlitz und Welt, Weltantlitz und Mensch zeigt uns Armin Baumgarten in Ausgewogenheit und gelassener Schönheit. Das Antlitz, das wir jeweils sehen, ob es «Der Geiger» genannt wird oder «Hölderlin» oder «Der Blaue», spielt zwischen Nähe und Distanz, zwischen Heiterkeit und Ernst. Es ist nicht aufgeregt, nicht exaltiert, nicht traurig, nicht gedemütigt, nicht zornig, nicht melancholisch, nicht verzweifelt. Es entspricht im Ausdruck der Schönheit der Farbenspiele, aus denen es sich aufbaut.

Seit Beginn der Moderne stand und steht das Schöne in der Kunst immer wieder im Verdacht der Oberflächlichkeit, der weltfernen Naivität und schlimmer noch, unter dem der Unwahrhaftigkeit. Dabei wird vergessen, daß «Schönes» immer dem «Nichtschönen» abgerungen wird. «Schönheit» fällt einem erst dann in den Schoß, wenn man sie herauslöst aus allem, was wir als «nicht-schön» empfinden und erleben: aus dem Häßlichen, dem Banalen, dem Schrecklichen, dem Entsetzlichen.

Ich möchte an einen Mythos erinnern: Als Perseus der Medusa, der schreckenerregenden Gorgo mit dem versteinernden Blick das Haupt abschlug, entsprang ihrem Blute Pegasus, das geflügelte Pferd, das die weiterarbeitende Tradition zum Symbol der Poesie gemacht hat, d.h. des vom Menschen gestalteten «Schönen». Das heißt übersetzt in theoretische Sprache: Nur aus den Bedingungen des Nichtschönen entsteht der Wille zum Schönen: «Wenn überhaupt, ist das Schöne eher dem Häßlichen entsprungen als umgekehrt», schreibt Adorno in seiner «Ästhetischen Theorie» (S. 81).

Wenn Armin Baumgarten Weltantlitz und Menschenantlitz in Schönheit gestaltet, so setzt er dem «Nichtschönen» um uns und in uns eine Korrektur entgegen. Diese Korrektur formuliert er nicht in politischer Rede oder pädagogischer Ermahnung, sondern in wunderschönen Farben; eben ästhetisch – und damit sichtbar und unübersehbar.


Die Rede wurde am 21. September 1997 gehalten und wird hier erstmalig veröffentlicht.