Armin Baumgarten

Friedrich W. Heckmanns
In einem Gespräch vor seinen Bildern hat Armin Baumgarten gesagt: «Die ursprünglich sehr dünne, lasierende Malerei, die das Motiv über die ganze Bildfläche entfaltet hat, wurde immer pastoser, die Struktur der Farbe fast reliefhaft.» Sorgfältig sind im Malvorgang auf der Leinwand Farbschichten aufgetragen, bisweilen mit einem heftigen Pinselschlag, und was immer Figur man nennen kann, ist durch pastosen Farbauftrag herausgearbeitet. Es beginnt an den Grenzen der Leinwand. Hier ist manches Vage, der Formung Widerstrebende, für Fernsichten aufgespart und genutzt worden; es soll in das Weite hinaus wirken. Er lasse langsam die Figur aus dem Farbmaterial entstehen, und betont wiederholt: «Wie beim Thema ‹Kopf›, so ist auch meine Figur nicht aus der beobachteten Welt entlehnt. Sie ist eine Kunstfigur, die ihre eigene Wirklichkeit auf der Bildfläche entfaltet.» Mit dem Hinweis auf Studien 2002 vor der Steilküste in der Normandie erkennt er den Berg als skulpturale Verdichtung der Landschaft. So dringt die Erfahrung einer Wirklichkeit als Motiv ein, nicht beschreibend, vielmehr im Handeln der Farbmaterie selbst. So hat ein jedes Bild eine geradezu körperliche, plastische Eigenschaft; es ist ein Gegenstand, der auch bei großem Format sich nicht in bildnerischen Fragmenten aufbaut. Da ist nichts unbesehen in den Bildern von Armin Baumgarten.

«Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist.» (Johann Wolfgang von Goethe, «Maximen und Reflexionen», 742)
Das Zweckmäßige meisterhaft zu handhaben, ist eine Fähigkeit, die Armin Baumgarten auszeichnet. So folgt der Betrachter bereitwilliger dem Anspruch des Künstlers, daß der Zweck seiner Arbeit die Schönheit des Bildes sei. Nun ereignet es sich, daß diese malerischen Zeichen und Farbspuren die Erinnerung an weit Entferntes und die Annäherung eines noch Unbewußten an gegenwärtige Erfahrung möglich machen. Über das verschlungene Labyrinth und zerklüftete Relief der Bildoberfläche wird der Blick gelenkt. Es tauchen anthropomorphe Gestalten – Kopf, Figur – und Landschaft auf und zwar derart, daß während des Betrachtens im Wechsel des Standorts von links nach rechts oder aus der mittleren Position die Helligkeit und die Farbwahrnehmung gemäß dem Lichteinfall das Bild in subtiler Variation sich wandelt. So tritt dessen Mannigfaltigkeit belebt zutage. Auf diese Weise in das Bild hineingezogen, wird dem Betrachter die Erfahrung des Schönen möglich. Sehend erschließt er das, was im Bild verborgen ist. Schließlich trifft er auf nichts anderes, als auf sich selbst.

Die notwendige Leistung des Menschen im Umgang mit der Kunst wird deutlich in dem benachbarten Aphorismus (726) der «Maximen und Reflexionen» Goethes: «Die Schönheit kann nie über sich selbst deutlich werden.»


Publiziert in: Armin Baumgarten. Malerei, Skulpturen, Architekturmodelle. Text von Friedrich W. Heckmanns, Ausstellungskatalog salve art gallery Leipzig, 2013.